E-Fortbildung – Künstliche Intelligenz praktisch unterrichten mit datenbasierten Entscheidungsbäumen
Hintergrund
Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen gewinnen zunehmend an gesellschaftlicher Bedeutung und finden verstärkt Eingang in schulische Curricula und Bildungsdiskussionen. Gleichzeitig stellen insbesondere datenbasierte Verfahren des maschinellen Lernens Lehr-kräfte vor neue fachliche und didaktische Herausforderungen. Komplexe mathematische und algorithmische Verfahren können einen verständlichen und zugleich fachlich angemes-senen Zugang im Schulunterricht erschweren.
Das Fortbildungsmodul greift diese Herausforderung auf und vermittelt einen didaktisch reduzierten und schrittweise aufgebauten Zugang zu maschinellem Lernen am Beispiel datenbasierter Entscheidungsbäume. Entscheidungsbäume eignen sich aufgrund ihrer Transparenz und Nachvollziehbarkeit besonders, um grundlegende Prinzipien datenbasierter Klassifikation, Modellkonstruktion und Evaluation zugänglich zu machen. Die Fortbildung verbindet fachliche Grundlagen mit konkreten Unterrichtskonzepten und erprobten Materialien aus dem „Projekt Data Science und Big Data in der Schule“
Grundidee des Fortbildungsmoduls
Im Zentrum des Moduls stehen drei vielfach erprobte Unterrichtsreihen zum datenbasier-ten maschinellen Lernen mit Entscheidungsbäumen ab Klasse 6, ab Klasse 9 und ab Klasse 12. Entscheidungsbäume dienen dabei als transparentes Modell, um grundlegende Ideen datenbasierter Klassifikation, Modellkonstruktion und Evaluation zugänglich zu machen. Die Unterrichtsreihen greifen diese Ideen mit zunehmender fachlicher und technischer Tiefe auf.
Ein zentrales Gestaltungselement des Moduls ist der didaktische Doppeldecker. Die Teil-nehmenden erproben zentrale Lernaktivitäten zunächst selbst aus der Perspektive der Ler-nenden und reflektieren diese anschließend aus der Perspektive der Lehrkraft hinsichtlich fachlicher und didaktischer Entscheidungen sowie ihrer Umsetzung im Unterricht.
Die Fortbildung folgt zugleich einer schrittweisen Werkzeugprogression. Ausgehend von unplugged Aktivitäten mit Datenkarten werden zentrale Konzepte zunächst handelnd zu-gänglich gemacht. Mit CODAP werden die zuvor manuell ausgeführten Datenoperationen digital umgesetzt und die Konstruktion mehrstufiger Entscheidungsbäume sowie deren systematische Konstruktion und Evaluation ermöglicht. Mit Jupyter/Treech wird der zuvor erarbeitete Konstruktionsprozess schließlich automatisiert, gezielt variiert und hinsichtlich seiner Auswirkungen systematisch untersucht.
Die Fortbildung umfasst fünf synchrone Bausteine und verbindet diese mit asynchronen Phasen zur Planung und Erprobung eigenen Unterrichts. Nach dem dritten Baustein planen die Teilnehmenden auf Grundlage der kennengelernten Materialien eine eigene Unter-richtssequenz. Im Anschluss erproben sie Materialien im eigenen Unterricht und bereiten ihre Erfahrungen für eine nachgelagerte Austauschsitzung auf. Auf diese Weise werden fachliche und didaktische Auseinandersetzung, eigene Unterrichtsplanung, praktische Er-probung und gemeinsame Reflexion miteinander verzahnt. Die digitale Durchführung er-möglicht eine flexible Teilnahme und unterstützt die berufsbegleitende Professionalisierung der Lehrkräfte. Grundsätzlich kann die Fortbildung auch in Präsenz durchgeführt werden.
Goals
Fachlich-konzeptuelle Ziele
Die Teilnehmenden …
- … ordnen Künstliche Intelligenz und Maschinelles Lernen begrifflich ein und erläutern die grundlegende Rolle von Daten für datenbasierte Verfahren des maschinellen Lernens.
- … erläutern Klassifikation als Lernaufgabe des überwachten maschinellen Lernens und wenden Entscheidungsbäume als transparente Klassifikatoren an.
- … erläutern die datenbasierte Konstruktion von Entscheidungsbäumen von der Auswahl geeigneter Datensplits über Mehrheitsentscheidungen und Fehlklassifikationen bis zur rekursiven Konstruktion mehrstufiger Entscheidungsbäume.
- … beurteilen und vergleichen Entscheidungsbäume anhand von Trainings-, Validierungs- und Testdaten und erläutern dabei insbesondere Overfitting sowie unterschiedliche Möglichkeiten zur Begrenzung der Baumkomplexität einschließlich Validation Pruning.
- … beurteilen Klassifikatoren kontextsensitiv, indem sie unterschiedliche Fehlerarten und deren Konsequenzen, verschiedene Perspektiven sowie geeignete statistische Maße wie Sensitivität und Präzision berücksichtigen.
- … erläutern, wie Entscheidungen bei der Erstellung und Zusammensetzung von Trainingsdaten Klassifikationsmodelle beeinflussen können, und untersuchen insbesondere mögliche Auswirkungen von Labelvergabe und Selection Bias.
Professionalisierungsbezogene Ziele
Die Teilnehmenden …
- … erproben zentrale Aktivitäten der Unterrichtsreihen zunächst aus der Perspektive der Lernenden und reflektieren diese anschließend aus der Perspektive der Lehrkraft.
- … erläutern, wie zentrale Konzepte datenbasierten maschinellen Lernens mit Entscheidungsbäumen schrittweise und mit zunehmender fachlicher und technischer Tiefe für den Unterricht zugänglich gemacht werden können.
- … erläutern die didaktische Funktion der Werkzeugprogression von Datenkarten über CODAP zu Jupyter/Treech, durch die Datenoperationen zunächst handelnd durchgeführt, anschließend digital unterstützt und schließlich automatisiert, variiert und systematisch untersucht werden können.
- … analysieren unterschiedliche Vorgehensweisen und mögliche Lernschwierigkeiten von Lernenden und erläutern, wie diese für die weitere fachliche Systematisierung im Unterricht aufgegriffen werden können.
- … erläutern, wie die Konstruktion und Evaluation von Entscheidungsbäumen sowie die kritische Reflexion ihrer Datengrundlage anhand geeigneter Aufgaben und Anwendungskontexte im Unterricht entwickelt werden können.
- … planen auf Grundlage der Fortbildungsinhalte und bereitgestellten Materialien eigene Unterrichtssequenzen, erproben diese im eigenen Unterricht und reflektieren ihre Erfahrungen hinsichtlich gelungener Umsetzungen, Herausforderungen und möglicher Anpassungen.
Bausteine der Fortbildung
Baustein 1 | Fachliche und didaktische Einführung in KI und maschinelles Lernen (165 Minuten) Die Teilnehmenden setzen sich mit grundlegenden Konzepten Künstlicher Intelligenz und maschinellen Lernens auseinander und ordnen datenbasierte Entscheidungsbäume als transparenten Zugang zum überwachten maschinellen Lernen ein. Dabei werden Unterschiede zwischen Künstlicher Intelligenz, maschinellem Lernen und herkömmlichem Programmieren sowie curriculare Anknüpfungspunkte und die didaktische Eignung von Entscheidungsbäumen für den Schulunterricht thematisiert. Anhand eines medizinischen Datenbeispiels werden anschließend zentrale Konzepte datenbasierter Klassifikation erarbeitet. Die Teilnehmenden lernen Entscheidungsbäume als Klassifikatoren kennen und vollziehen deren datenbasierte Konstruktion von der Untersuchung möglicher Datensplits über Mehrheitsentscheidungen und Fehlklassifikationen bis zur rekursiven Konstruktion nach. Abschließend wird die Evaluation mit neuen Daten aufgegriffen und die Funktion von Trainings- und Testdaten sowie unterschiedlicher Konsequenzen von Fehlklassifikationen thematisiert. |
Baustein 2 | Datenbasierte Klassifikation „unplugged“ mit Datenkarten (120 Minuten) Die Teilnehmenden erproben einen unplugged Zugang zu datenbasiertem maschinellem Lernen mit Entscheidungsbäumen zunächst aus der Perspektive der Lernenden. Anhand eines lebensweltbezogenen Lebensmittelkontexts vergeben sie selbst Labels und erstellen damit einen Trainingsdatensatz. Die gemeinsame Labelvergabe wird anschließend aus der Perspektive der Lehrkraft reflektiert und als Ausgangspunkt genutzt, um den Einfluss menschlicher Entscheidungen bei der Erstellung von Trainingsdaten zu thematisieren. Auf Grundlage der Trainingsdaten konstruieren die Teilnehmenden mit Datenkarten eigene Entscheidungsbäume. Dabei werden zentrale Operationen wie Datensplits, Mehrheitsentscheidungen und die Beurteilung von Entscheidungsregeln anhand von Fehlklassifikationen handelnd nachvollzogen. Anhand von Vorgehensweisen Lernender wird anschließend reflektiert, wie heuristische Vorauswahl und systematischer Vergleich bei der Konstruktion von Entscheidungsbäumen im Unterricht miteinander verbunden werden können. Abschließend werden die erprobten Aktivitäten in die Unterrichtsreihe ab Klasse 6 eingeordnet und Möglichkeiten zur Weiterführung mit CODAP für ältere Lernende aufgezeigt. |
Baustein 3 | Datenbasierte Klassifikation in der digitalen Umgebung CODAP (120 Minuten) Die Teilnehmenden übertragen die zuvor mit Datenkarten erarbeiteten Konzepte auf die digitale Umgebung CODAP. Am Kontext personalisierter Empfehlungen auf Onlineplattformen konstruieren und vergleichen sie ein- und mehrstufige Entscheidungsbäume und stellen die zuvor manuell ausgeführten Datenoperationen ihrer automatisierten Umsetzung in CODAP gegenüber. Dadurch wird der Übergang von einem unplugged zu einem digital unterstützten Zugang zu datenbasiertem maschinellem Lernen didaktisch reflektiert. Aus der Perspektive der Lernenden konstruieren die Teilnehmenden zunächst offen eigene mehrstufige Entscheidungsbäume. Anschließend analysieren sie unterschiedliche Vorgehensweisen Lernender bei der Auswahl von Prädiktorvariablen und beim Abbruch der Konstruktion. Ausgehend von dieser Vielfalt wird beim „Maschine spielen“ schrittweise ein systematisches datenbasiertes Vorgehen entwickelt, bei dem Prädiktorvariablen anhand der Fehlklassifikationen ausgewählt, ein Abbruchkriterium angewendet und diese Schritte rekursiv wiederholt werden. Die Frage, wie gut ein so konstruierter Entscheidungsbaum neue Daten klassifiziert, bereitet die Evaluation mit Testdaten im folgenden Baustein vor. |
Baustein 4 | Evaluation von Entscheidungsbäumen – Testdaten, Overfitting und kontextsensitive Bewertung (120 Minuten) Die Teilnehmenden untersuchen zunächst, wie sich die Güte von Entscheidungsbäumen anhand von Trainings- und Testdaten beurteilen lässt. Durch den Vergleich unterschiedlich komplexer Entscheidungsbäume wird Overfitting herausgearbeitet und mit der Baumkomplexität sowie Entscheidungen auf Grundlage kleiner Teilmengen in Verbindung gebracht. Anschließend untersuchen die Teilnehmenden Möglichkeiten zur Begrenzung der Baumkomplexität, indem sie den frühzeitigen Abbruch der Konstruktion und das nachträgliche Beschneiden eines bereits konstruierten Baums sowie deren Auswirkungen auf Trainings- und Testdaten vergleichen. Im zweiten Schwerpunkt wird die Evaluation über die alleinige Betrachtung der Fehlklassifikationsrate hinaus erweitert. Ausgehend von Konfusionsmatrizen untersuchen die Teilnehmenden unterschiedliche Fehlerarten und deren Konsequenzen und vergleichen Klassifikatoren aus verschiedenen Perspektiven und in unterschiedlichen Anwendungskontexten. Daraus wird eine strukturierte Vorgehensweise zur kontextsensitiven Bewertung entwickelt. |
Baustein 5 | Konstruktionsprozess datenbasierter Entscheidungsbäume untersuchen – Automatisierung, Overfitting und Selection Bias (120 Minuten) Die Teilnehmenden führen die Werkzeugprogression von CODAP zu Jupyter/Treech fort und nutzen die automatisierte Umsetzung des zuvor erarbeiteten Konstruktionsprozesses, um Entscheidungsbäume systematisch zu untersuchen. In einer menübasierten Jupyter-Umgebung variieren sie unterschiedliche Möglichkeiten zur Begrenzung der Baumkomplexität und vergleichen deren Auswirkungen auf Baumstruktur sowie Trainings- und Testgüte. Darauf aufbauend wird Validation Pruning als systematisches Verfahren zum Beschneiden von Entscheidungsbäumen entwickelt und die unterschiedliche Funktion von Trainings-, Validierungs- und Testdaten herausgearbeitet. Im zweiten Schwerpunkt richtet sich der Blick auf die Zusammensetzung der Trainingsdaten. Die Teilnehmenden verändern Trainingsdaten gezielt und untersuchen experimentell, wie sich Verzerrungen auf die entstehenden Entscheidungsbäume, deren Klassifikationsleistung und unterschiedliche Gruppen auswirken können. Durch den Vergleich verschiedener Verzerrungen und Vorhersageprobleme wird herausgearbeitet, dass solche Auswirkungen nicht zwangsläufig auftreten, sondern von den jeweils relevanten Zusammenhängen in den Daten abhängen. Die Ergebnisse werden abschließend als Selection Bias systematisiert und zu übertragbaren Fragen für die Untersuchung von Trainingsdaten und Klassifikatoren gebündelt. |
Möglicher Ablauf des Moduls
Diese Aufstellung entspricht dem in der Praxis erprobten vollständigen Modulablauf. Aufgrund des modularen Aufbaus kann die Fortbildung abhängig von Zielgruppe, zeitlichem Rahmen und angestrebter Unterrichtsreihe auch in unterschiedlichen Zusammenstellungen durchgeführt werden (siehe „Mögliche Varianten des Ablaufs“).
Synchron | Baustein 1 – Fachliche und didaktische Einführung in KI und maschinelles Lernen (165 Min) |
Synchron
|
Baustein 2 – Datenbasierte Klassifikation „unplugged“ mit Datenkarten (120 Min) |
Synchron
| Baustein 3 – Datenbasierte Klassifikation mit dem digitalen Werkzeug CODAP (120 Min) |
Asynchron | Unterrichtsplanung
|
Synchron
| Baustein 4 – Evaluation von Entscheidungsbäumen (120 Min)
|
Synchron
| Baustein 5 – Konstruktionsprozess datenbasierter Entscheidungsbäume untersuchen (120 Min) |
Asynchron | Unterrichtserprobung und Vorbereitung des Erfahrungsaustauschs Die Teilnehmenden erproben ihre geplante Unterrichtssequenz im eigenen Unterricht. Anschließend bereiten sie ihre Erfahrungen auf und reflektieren dabei insbesondere den Unterrichtsverlauf, gelungene Aspekte, Anpassungsbedarfe sowie die Leistungsüberprüfung. |
Synchron
| Erfahrungsaustausch (90 Minuten) Die Teilnehmenden stellen zentrale Erfahrungen aus ihren Unterrichtserprobungen vor, vergleichen unterschiedliche Umsetzungen und diskutieren gelungene Ansätze, Herausforderungen, Anpassungen und mögliche Weiterentwicklungen. |
Mögliche Varianten des Ablaufs
Die Bausteine der Fortbildung können abhängig von der Zielgruppe, Zeit und der angestrebten Unterrichtsreihe unterschiedlich zusammengestellt werden. Baustein 1 bildet dabei die gemeinsame fachliche und didaktische Grundlage. Die weiteren Bausteine können entsprechend der Unterrichtsreihen ab Klasse 6, 9 oder 12 kombiniert werden.
Möglichkeit 1 – Schwerpunkt Unterricht ab Klasse 6
Baustein 1 → Baustein 2
Möglichkeit 2 – Schwerpunkt Unterricht ab Klasse 9
Baustein 1 → Baustein 3 → Baustein 4
Möglichkeit 3 – Schwerpunkt Unterricht ab Klasse 12
Baustein 1 → Baustein 3 → Baustein 4 → Baustein 5
Material
News
New training course "Data detectives at work" starts on 13.12.2023
Der nächste Durchgang der Fortbildung “Datendetekiv*innen bei der Arbeit – Data Science und künstliche Intelligenz (ohne Programmieren)” findet als zweitägige Lehrkräftefortbildung statt am 13.12.2023 und